April, 2021

Frankfurt. Das europäische Milliardengeschäft mit Handelsmarken-Windeln ist so umkämpft wie lange nicht mehr: Auftragsverluste im großen Stil bringen den Marktführer Ontex in Schwierigkeiten. Nutznießer ist Drylock – und damit ausgerechnet das Unternehmen des früheren Ontex-CEOs Bart van Malderen.

Auf dem europäischen Markt für Handelsmarken-Windeln verschieben sich die Kräfteverhältnisse. Der Marktführer Ontex hat jüngst mehrere Abnehmer an den Konkurrenten Drylock verloren. Ontex kann deshalb offenkundig die eigenen Kapazitäten nicht mehr auslasten: Das Unternehmen mit Hauptsitz in Belgien prüft nach Angaben von Arbeitnehmervertretern, welche Zukunft sein Werk in der rheinland-pfälzischen Stadt Mayen hat. Die erst vor einem Jahr aufgenommene Tamponproduktion an dem Standort hat Ontex eingestellt. Die Mitarbeiter in Mayen sind in Kurzarbeit. Der Hersteller hat zudem angekündigt, sich von Beschäftigten zu trennen.

Kurioser Hintergrund des Zweikampfs zwischen Ontex und Drylock ist, dass Drylock-Chef Bart van Malderen bis zum Jahr 2007 an der Spitze des Konkurrenten stand. Van Malderens Vater Paul van Malderen hatte einst Ontex gegründet. Bart selbst stieg 1987 bei Ontex ein, war bis 2003 Inhaber und verblieb nach dem Anteilsverkauf für vier weitere Jahre CEO bei dem Hersteller. Profiteure der Auseinandersetzung sind die Händler. Sie können die Hersteller gegeneinander ausspielen. Preiserhöhungen müssen sie so trotz steigender Rohstoffkosten kaum befürchten.

Aus informierten Kreisen hat die LZ denn auch erfahren, dass Ontex jüngst einen Großauftrag von Lidl verloren hat. Auch bei dm seien Aufträge weggebrochen, berichten Insider. Im europäischen Ausland – insbesondere auf dem für Ontex wichtigen französischen Markt – seien die Verluste noch größer. Der Hersteller äußert sich auf Anfrage nicht zu einzelnen Aufträgen. Er bestätigt aber allgemein die Auftragsrückgänge.

Dem Vernehmen nach ist ein Großteil der Aufträge an Drylock gegangen. Der Hersteller hatte in der LZ im Februar angekündigt (lz 07-21) , den eigenen Umsatz in den nächsten fünf Jahren von jüngst rund 600 Mio. Euro auf 1 Mrd. Euro zu steigern. Van Malderen hatte Drylock im Jahr 2012 gegründet. Seine Rückkehr in das Geschäft begründete der Manager damals damit, dass sich der Markt kaum erneuert habe und ihn das Geschäft nicht loslasse. Drylock verringert seit seiner Gründung sukzessive die Distanz zu den europäischen Marktführern Ontex und Essity. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz wie Ontex in Belgien, produziert für den deutschen Markt aber in Tschechien.

In Deutschland kratzt Drylock nach einer Schätzung der LZ an der Umsatzmarke von 100 Mio. Euro. Drylock gibt an, mittlerweile Hauptlieferant für Lidl zu sein. Nach Angaben von Euromonitor belief sich der Windel-Umsatz in Deutschland 2020 insgesamt auf etwa 690 Mio. Euro. Weltmarktführer Pampers von Procter & Gamble hat daran einen Anteil von 48 Prozent, während Handelsmarken etwa 33 Prozent Marktanteil haben.

Der Konzernumsatz von Ontex ist im vergangenen Jahr um 8,5 Prozent auf knapp 2 Mrd. Euro gefallen, wobei das Windelgeschäft um 13,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr einbrach. Esther Berrozpe, die seit Januar Ontex führt, sprach zudem von „zweistelligen Umsatzrückgängen im ersten Quartal“ dieses Jahres. Die Begründung: Die europäischen Verkäufe, die etwa 40 Prozent des Konzernumsatzes ausmachen, erreichten „ihren Tiefpunkt“. Erst für die Zeit ab dem zweiten Quartal erwartet die neue CEO eine Umsatzsteigerung.

In Mayen verhandelt das Unternehmen mittlerweile mit Arbeitnehmervertretern über die Zukunft. Über den Umfang des angepeilten Stellenabbaus äußert sich keiner der Beteiligten. Es ist aber von mehreren hundert Betroffenen die Rede. Derzeit seien die Gespräche konstruktiv, bestätigen Vertreter beider Seiten. Die Forderungen lägen aber „weit auseinander“, sagt ein Arbeitnehmervertreter. Demnach fordert der IG BCE eine Standortsicherung für die nächsten fünf Jahre – die Ontex nicht gewähren möchte. CEO Berrozpe hatte angekündigt, das Geschäfts- und Produktportfolio zu vereinfachen und die „Leistung mit einer schlanken Organisation zu fördern“.

Philip Brändlein/lz 10-21

www.lebensmittelzeitung.net

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